Ein SV-System sollte auf die verschiedenen Angriffsarten möglichst einfache Antworten haben, die an jedem Ort zu jeder Zeit einsetzbar sind.

Im Gegensatz zum sportlichen Vergleich, kann man sich bei einem Überfall auf der Straße weder den Zeitpunkt noch den Ort der Handlung aussuchen. Der Angriff kann durch einen Einzelnen oder durch Mehrere, er kann bewaffnet oder unbewaffnet erfolgen. Auf all dies hat das potentielle Opfer keinen Einfluss. Überfälle treffen den Einzelnen in der Regel überraschend, d.h. er hat keine oder wenig Zeit, sich auf die neue bedrohliche Situation einzustellen. Der ungeheure Stress in Kombination mit der auftretenden Angst schränken häufig die Motorik des Opfer massiv ein. Jeder Versuch, feingliedrige komplexe Handlungsweisen durchzuführen, hat von vornherein eine hohe Versagenswahrscheinlichkeit. Aus diesem Grund darf sich ein intelligentes Selbstverteidigungssystem nicht auf komplizierte technische Abläufe verlassen.

Im Gegenteil: Einfachste unkomplizierte Handlungsweisen, möglichst unter Ausnutzung bereits vorhandener natürlicher Verhaltensweisen, sind der Schlüssel zum Erfolg.

Konkret heißt das: Im Gegensatz zum sportlichen Vergleich (Kampfsport), darf sich ein intelligentes Selbstverteidigungssystem nicht auf bestimmte Distanzen oder bestimmte Arten von Angriffen festlegen. Man kann nicht davon ausgehen, im Selbstverteidigungsfall eine ebene Kampffläche zur Verfügung zu haben. Selbstverteidigung muss auch auf einer Treppe oder in der Straßenbahn funktionieren. In solchen Situationen fallen alle akrobatischen Techniken von vornherein weg. Genauso wenig kann davon ausgegangen werden, dass man nur mit bestimmten Techniken angegriffen wird, wie das zwangsläufig bei sportlichen Wettkämpfen der Fall ist. Im Kampfsport sind die Techniken limitiert (z.B. keine Technik unterhalb der Gürtellinie), um die Verletzungsgefahr zu senken. Im Selbstverteidigungsfall sind jedoch gerade die im Sport verbotenen Techniken die Wirkungsvollsten. Man muss diese Techniken nicht nur selbst anwenden können, sondern auch wissen, wie man diese abwehrt.
Im Selbstverteidigungsfall muss mit allem gerechnet werden.

Es gibt dabei keine sportlichen Regeln und keine Fairness. Ein verlorener Kampf bedeutet in der Regel den Verlust der körperlichen Unversehrtheit. Eine sinnvolle Selbstverteidigung beinhaltet deshalb nur effiziente Techniken und keine Showtechniken. Sie beinhaltet ferner Angriffs- und Abwehrmöglichkeiten in allen möglichen Kampfdistanzen u.a. auch gegen Angriffe in der Bodenlage oder auf engstem Raum, wie z.B. in einem Aufzug oder einem Auto.
Da ein Angriff überraschend erfolgen kann und man in diesem Fall nicht auf Anhieb erkennen kann, ob der Angriff z.B. mit einer Stichwaffe, Schlagwaffe oder unbewaffnet erfolgt, müssen die ersten instinktiven Maßnahmen möglichst all diese Gefahren abdecken. Das heißt, eine Strategie, bei der die Erstreaktion gegen einen Messerangriff anders ist, als gegen einen Stockangriff oder einen Faustangriff, ist bei einer überraschenden Selbstverteidigungssituation mit hoher Wahrscheinlichkeit zum Scheitern verurteilt.

Ein weiterer Aspekt einer sinnvollen Selbstverteidigung ist das Verwenden von Hilfsmitteln. Gerade gegen einen bewaffneten Angriff (z.B. Stichwaffe) ist es ein immenser Vorteil, wenn das potentielle Opfer Hilfsmittel, die sich in der Umgebung befinden, gezielt einsetzen kann. Dabei ist es wichtig, dass ein SV-Schüler nicht nur theoretisch, sondern auch praktisch lernt, wie z.B. ein Regenschirm, eine Jacke, ein Stock oder ein Stein eingesetzt werden kann.

Es muss in einem vernünftigen Zeitrahmen zu erlernen sein Ein Selbstverteidigungsfall kann jederzeit eintreten. Daher ist es wenig sinnvoll, eine Methode zu erlernen, die jahrzehntelanges hartes Training erfordert, bis die Verteidigungsfähigkeit hergestellt ist. Ein vernünftiges SV-System sollte es einer Person ermöglichen, in einem überschaubaren Zeitrahmen eine realistische Chance gegen die meisten möglichen Bedrohungen zu haben. Das System sollte soweit es geht unabhängig von der Kondition, Gelenkigkeit und Kraft des Einzelnen funktionieren.
Ein Proficatcher sagte einmal in einem Interview: "Selbstverteidigung ist doch so einfach. Man schmeißt sich auf seinen Gegner und erdrückt ihn mit seinem Gewicht." Für ihn, mit einem Gewicht jenseits von 100 kg und einer Körpergröße um die 2 m, mag das wohl zutreffen. Eine Frau mit einem Gewicht von 50 kg dürfte mit dieser Methode jedoch Probleme bekommen.
Kraft, Gelenkigkeit und Kondition sind nur durch langes hartes Training zu erreichen. Bei Einstellen des Trainings verliert man diese mühsam antrainierten Fähigkeiten wieder. Kampfsportarten, welche auf solchen körperlichen Faktoren aufbauen, schließen von vornherein schwache oder ältere Personen aus. Ein Mann, der z.B. älter als 50 Jahre ist, kann nun mal keine Kondition wie ein 20-jähriger aufbauen. Eine Frau mit 48 kg Gewicht kann soviel Bodybuilding betreiben wie sie will, sie wird niemals so kräftig, wie der oben genannte Proficatcher werden. Und auch mit noch so viel Boxtraining wird sie es niemals schaffen, den Schlag eines 80 kg Mannes einzustecken, ohne KO zu gehen.
Eine sinnvolle Selbstverteidigung muss daher soweit es geht unabhängig von solchen Faktoren funktionieren. Sie muss auch den körperlich Schwächeren eine Möglichkeit bieten, sich erfolgreich zur Wehr zu setzen. D.h. Kraft, Gelenkigkeit und Kondition dürfen nicht die Grundvoraussetzungen sein, um das gelernte SV-System umsetzen zu können.Allerdings möchten wir besonders darauf hinweisen, dass es hochgradig unseriös ist zu behaupten, ein System könnte absolut unabhängig von körperlichen Faktoren funktionieren. Diese sehr werbeträchtige Aussage wäre eine unverantwortliche Irreführung des Einzelnen. Eine körperlich besser konstituierte Person hat immer günstigere Voraussetzungen eine gewalttätige Aggression unbeschadet zu überstehen. Je schlechter die körperliche Verfassung des Einzelnen ist, desto besser muss er sein Selbstverteidigungssystem beherrschen, um diesen Nachteil auszugleichen.

Aus diesem Grund sollte ein sinnvolles System auch versuchen, Personen entsprechend ihrer anatomischen Grundvoraussetzungen auf ein vernünftiges körperliches Niveau zu bringen. Die Verhältnismäßigkeit muss gewahrt bleiben Ein SV-System muss natürlich ermöglichen, im Rahmen der Notwehrgesetze zu handeln. Der SV-Schüler soll lernen, auf die Situation angepasst zu reagieren. Überreaktionen, welche letztlich zu rechtlichen Folgen führen würden, sind auszuschließen. Auf psychische Belange einer SV-Situation muss eingegangen werden.
Viele Kämpfe im Sportbereich werden weniger durch technische Fähigkeiten, als durch die Psyche der Kontrahenten entschieden. Für die Selbstverteidigung trifft dies noch in einem viel höheren Maße zu. Das genialste technische Konzept bringt nichts, wenn man sich bei einem Überfall vor Angst nicht mehr rühren kann. Das bedeutet, dass ein spezielles Training zur Bewältigung des psychischen Drucks in einer gewalttätigen Situation eine ganz entscheidende Rolle in der SV-Ausbildung spielen muss. Selbstverteidigungssysteme die dieses nicht in ausreichendem Maße berücksichtigen, kann man eigentlich nur als unseriös bezeichnen.

Ein weiterer Aspekt, den ein vernünftiges Selbstverteidigungssystem abdecken muss, ist die Gewaltprävention. D.h. ein Schüler sollte erlernen, wie eine Situation einzuschätzen ist und wie eine gefährliche Situation vermieden werden kann. Das Verletzungsrisiko beim Training muss gering sein Es ist selbstverständlich, dass Menschen, die ein Selbstverteidigungssystem erlernen wollen, kein Interesse daran haben, ihre Gesundheit zu ruinieren. Deshalb ist ein Selbstverteidigungssystem nur geeignet, wenn es trotz eines realistischen Trainings ein verletzungsfreies Üben ermöglicht.